Aus der Vergangenheit

Donnerstag, 1. Juni 2006

Kuss

Ich bin 13.

Wir liegen auf der Couch und schauen Fernsehen. Es ist Nachmittag. Ich drehe mich zu ihm herum. Schaue lange in seine Augen. Fühle mich nicht unsicher nach den ganzen Momenten, in denen er mir so viel Angst gemacht und mir vorgeworfen hat, ich würde ihn provozieren.

Im Gegenteil. Ich fühle mich wohl. Drücke ihm langsam einen Kuss auf den Mund. Er ist überrascht. Aber nicht abgeneigt. Ohne großes Gerede schiebt er seine Zunge zwischen meine Lippen.

Es kommt mir vor, als würden wir uns minutenlang küssen. Zart und vorsichtig, dennoch erforschend. Es fühlt sich an wie eine kleine Befreiung. Wie etwas, was jetzt endlich raus ist, ohne darüber zu sprechen.

Ich weiss nicht, was ich fühle. Auch nicht, was ich fühlen soll. Ich weiss, dass es falsch ist. Er auch. Aber es fühlt sich trotzdem richtig an in diesem Moment. Es fühlt sich gut an. Oder ich bilde mir zumindest ein, dass es sich gut anfühlt.

Er schiebt mich sachte von sich weg und flüstert mir etwas ins Ohr. Was, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber an das, was er mir noch gesagt hat. Er klingt etwas sauer, als er mich fragt, wie oft ich schon so geküsst habe. Ich könne das so gut und würde ihn wahnsinnig damit machen.

Habe ich schon jemals jemanden geküsst? Nein. Meine Zunge über die Zunge eines anderen gleiten lassen? Nein.

Ich sage ihm das. Er schaut mich an, ich bekomme etwas Angst. Dann küsst er mich weiter. Ich mache mit. Bis wir atemlos sind und den Schlüssel in der Wohnungstür hören.

Freitag, 21. April 2006

Was will er von mir?

Er schläft. Mal wieder oben auf der Couch.

Ich habe keine Lust, mich zu ihm zu setzen oder zu legen. Also gehe ich nach unten. Lege mich dort auf das kleine Sofa. Ich höre Musik und fange an zu träumen...

Irgendwann steht er vor mir. So plötzlich und unerwartet, dass ich so schnell nicht reagieren kann. Erschrocken mache ich die Musik schnell aus, ziehe mich bis auf die hinterste Ecke des Sofas zurück. Er kommt auf mich zu, setzt sich zu mir, hält mich fest.

"Ich will das nicht, lass mich los!". Er lässt mich nicht los. Ganz im Gegenteil. Seine Augen funkeln vor Zorn. Wie in Zeitlupe sehe ich zu, wie er seinen Reissverschluss herunter zieht und seine Hose öffnet. Ich versuche mich zu wehren, ich schreie vor Angst und trete wild um mich. Er zerrt an mir herum, bis ich mich von ihm befreit habe. Ich renne die Treppe hoch in mein Zimmer. Ich bin zu geschockt um irgend etwas zu sagen oder zu denken.

Er wäre nicht er, wenn er mir nicht hinterher kommen würde. Ich versuche mich mit aller Kraft gegen die Tür zu stemmen. Er ist natürlich stärker. Ich flüchte auf mein Bett, schnell hat er mich auch dort wieder fest in seinem Griff.

Ich liege auf dem Rücken, er halb auf mir. Wütend wirft er mir vor, ich würde ihn immer provozieren. Ich kann nur noch weinen, die Tränen laufen einfach herunter und ich kann sie nicht stoppen.

Ich weiss nicht, was ich denken soll. Weiss nur, dass ich ihn jetzt schon hasse und merke, dass das nur der Anfang eines langen Weges, einer komplizierten Geschichte sein wird.

Als er merkt, dass ich mich vor Angst nicht einkriege, lässt er mich los und verlässt wortlos das Zimmer. Das einzige, was ich höre, ist das Knallen der Tür.

Donnerstag, 20. April 2006

Wenn er schläft

Ich bin etwa 11.

Ich lege mich einfach hin. Auf die Couch, auf der er auf dem Rücken schläft. Ich möchte Fernsehen gucken und dabei auf der Couch liegen. Also lege ich mich einfach auf ihn und denke mir nichts dabei.

Plötzlich überkommt mich ein Gefühl, ein fremdes Gefühl. Wie ich es noch nie erlebt habe. Ich weiss nicht, was es ist. Es ist auf einmal einfach da. Dieses typische Lustgefühl, wie ich später gemerkt habe.

Er schläft immer noch und ich denke mir auch immer noch nichts, als ich anfange, mich auf ihm zu bewegen. Mich an ihm zu reiben.

Ein paar Mal geht das so. An verschiedenen Tagen. Ich merke mit der Zeit, dass ihn das auch nicht kalt lässt, spüre seine steigende Erregung unter seiner Jeans. Streichel darüber. Aber so richtig weiss ich nicht, was los ist. Ich tue nur das, was ich für richtig halte. Was sich gut anfühlt. Und folge der Stimme meines Körpers. Meinen Wünschen. Was wirklich abgeht, davon habe ich keine Ahnung. Ich höre auf, bevor er aufwacht und setze mich dorthin, wo seine Füße liegen. Tue so, als ob nichts gewesen wäre.

Irgendwann ist er wach, bevor ich es merke. Er schlägt die Augen auf. Schaut mich an. Ich bekomme Angst vor diesem Blick, es ist mir peinlich. Ich weiche schnell zurück, möchte mich ans andere Ende der Couch setzen. Er hält mich am Arm fest. Drückt meine Hand zwischen seine Beine. Ich bin angewidert. Das wollte ich nicht. Jetzt ist es nicht mehr das, was sich für richtig halte, was sich gut anfühlt. Die Stimme in mir sagt, lass das. Ich möchte nicht. Ziehe meine Hand zurück, stehe auf und renne in mein Zimmer. Ich möchte ihn nicht mehr sehen.
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